Lieber bestätigt als richtig

22. Januar 2026

In Kafkas Roman Der Process folgt die Welt einer traumhaften Logik, die niemand hinterfragt und die alle akzeptieren. Ein ähnliches Vertrauen bringen wir heute künstlicher Intelligenz entgegen.

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Der Process von Franz Kafka ist 1925 das erste Mal erschienen (1). Es ist eines der bekanntesten Werke aus dem 20. Jahrhundert. Im Deutschunterricht haben wir dieses Werk über mehrere Wochen gelesen und analysiert. Dabei haben wir Textstellen besprochen und zum Teil auch Motive herausgearbeitet.

Im Roman Der Process wird der Protagonist Josef K. an seinem 30. Geburtstag ohne Angabe eines Grundes verhaftet. Obwohl er weiterhin frei leben und arbeiten darf, ist er Teil eines Systems, das für ihn und als Leser kaum zu begreifen ist. Auf der Suche nach der Wahrheit und Selbstvergewisserung, versucht er seine Unschuld zu beweisen. Dabei stösst er auf ein undurchschaubares und willkürlich wirkendes Gerichtssystem. Je mehr er sich auf den Prozess einlässt, desto stärker verstrickt er sich selbst darin. Am Ende wird Josef K. hingerichtet, ohne je den Grund seiner Anklage erfahren zu haben.

Das Traummotiv – ein sehr bedeutendes und oft auftretendes Motiv – ist hierbei im Roman Der Process sehr wichtig und ein bedeutendes Element. Bei Traummotiven handelt es sich im Allgemeinen um Handlungen oder Situationen, die wir aus Träumen kennen. Kafka nutzt diese Traummotive sehr gerne in seinen Texten und zeigt so eine andere Welt auf. Kafka zeigt eine Welt, in der die Zeit als Medium brüchig wird, Handlungen unlogisch erscheinen und Menschen Dinge tun, die sie im wachen Zustand eigentlich nie tun würden. Genau wie in einem Traum akzeptieren die Figuren diese Verzerrungen, ohne sie zu hinterfragen.

Durch das ganze Werk zieht sich die Frage, ob K. unschuldig oder schuldig ist. Obwohl er nach aussen hin immer wieder betont, dass er unschuldig sei, zeigt sein Verhalten etwas anderes: Er ist innerlich verunsichert. Er weiss, dass er in irgendeiner Weise ‘schuldig’ ist. Nicht auf einer juristischen Ebene, sondern auf einer existenziellen. Doch er kann sich diese Schuld nicht eingestehen. Ohne sich selbst mit seiner eigenen Situation und mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, probiert K. ständig nach Bestätigung zu suchen.  Er fragt nahezu jede Person, der er begegnet, ob sie ihn für unschuldig hält. Als könnte die Meinung anderer seine eigene Unsicherheit auslöschen und den Ausgang seines Prozesses verändern. Dadurch verliert er selbst die Kontrolle über sein eigenes Urteil und wird somit immer abhängiger von Reaktionen anderer. Wie in einem Traum verliert K. zunehmend die Fähigkeit, seine Situation klar zu erfassen und eigenständig zu bewerten. Zudem bleibt K. sich selbst fremd und distanziert sich von sich selbst und seiner Vergangenheit. Die Grenze zwischen ihm und der Aussenwelt verschwimmen immer mehr.

Kafka zeigt im Roman unter anderem eine Welt, in der das Traumhafte nicht als Traum markiert ist, sondern als Realität gilt. Am Anfang des Romans könnte sich K. rein theoretisch dem System noch entziehen. Nicht nur K., sondern auch die anderen Figuren im Roman, finden es völlig normal, dass die Zeit brüchig wird, oder die Regeln des Gerichtes so unklar erscheinen. Für die Figuren im Werk sind diese Regeln aber in einer Art und Weise ‘klar’. Für sie ist es beispielsweise logisch, dass jeder Prozess zwingend mit einer Hinrichtung endet.

Traummotive im Roman Der Process zeigen, wie leicht Menschen sich auf ein System einlassen, das eigentlich absurd ist. Der Process veranschaulicht, wie ein System Macht gewinnt, wenn Menschen seine Logik akzeptieren. Bis zum Schluss des Romans hinterfragt K. das System nicht.

Auch heute sehen wir diese bedingungslose Akzeptanz im Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI). KI stimmt uns oft zu, reagiert freundlich und liefert schnelle Antworten. Genau das macht sie so attraktiv und gleichzeitig so gefährlich. Die Antworten, die uns KI liefert, nehmen die meisten Menschen einfach so an, obwohl sie zum Teil selbst wissen, dass diese Antworten falsch sind.

Die stille Macht der KI

«Theoretisch sollte ein Mensch, der mit einem KI-System zusammenarbeitet, bessere Entscheidungen treffen als allein. Aber Menschen akzeptieren oft die empfohlene Entscheidung eines KI-Systems, selbst wenn sie falsch ist – ein Dilemma namens KI-Überabhängigkeit.» (Helena Vasconcelos, 2023) (2)

Somit ist KI nicht im klassischen Sinn bedrohlich, sie besitzt aber eine Eigenschaft, die sie für uns besonders attraktiv macht. Die KI stimmt uns oft zu, bestätigt unsere Gedanken und liefert schnelle, klare Antworten. Genau das erzeugt Vertrauen und man verliert die kritische Selbstreflexion und das eigenständige Denken.

KI zeigt heute, wie schnell wir uns an Systeme gewöhnen, die uns Bestätigung geben, obwohl die Bestätigung uns nicht weiterhilft, sondern uns bewusst oder unbewusst bzw. negativ beeinflussen kann.

Besonders im schulischen Kontext kann ein falscher Umgang mit KI problematisch sein. Wenn wir uns zu stark auf KI verlassen und Aufgaben nicht mehr selbst bearbeiten oder überprüfen, verlieren wir einerseits die Fähigkeit zum eigenständigen Denken und andererseits einen Teil unserer Urteilskraft. Wir lassen uns Texte zusammenfassen, obwohl wir diese auch einfach selbst lesen könnten. Wir lassen uns Texte generieren, obwohl wir diese aber auch selbst schreiben könnten. Alles nur, weil wir meistens aus Bequemlichkeit oder weil es uns einfacher erscheint, KI zu nutzen, anstatt selbst einen gewissen Aufwand zu betreiben. Statt selbst zu denken und zu reflektieren, greifen wir auf eine Antwort zurück, die uns bestätigt, ohne sie meist kritisch zu hinterfragen.

Früher wurden Kompetenzen in der Schule gelernt, wie man eine Erörterung richtig schreibt. Heutzutage müssen Kompetenzen gelehrt werden, wie man richtig mit KI arbeitet, ohne, dass die KI alles übernimmt und wie man am Schluss die Antworten kritisch hinterfragt. Es kann nämlich sehr gut sein, dass die KI auch mal etwas Falsches generiert. Somit müssen zu den alten Kompetenzen noch weitere neue Kompetenzen ergänzt werde. So müssen sich die Gesellschaft und Institutionen wie die Schule an den Umgang mit KI gewöhnen und diesen ‘richtigen’ Umgang noch lernen.

K. ist in einem System gefangen und schafft es nicht, sich daraus zu lösen. Wir hingegen sind in einem System, in dem wir selbst die Möglichkeit haben, zu sagen, wie viel Macht wir KI überlassen. Wir sollen also nicht einfach die Antworten akzeptieren. Wir sollen Antworten nur dann akzeptieren, wenn wir diese kritisch hinterfragt haben und diese uns damit auch weiterhelfen.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Process (Zugriff 19.01.2026)

(2) https://hai.stanford.edu/news/ai-overreliance-problem-are-explanations-solution (Zugriff 19.01.2026)

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