Faschismus wird oft als Teil der Vergangenheit verstanden. Doch Umberto Eco zeigt in seiner Rede, dass er auch heute noch existiert. Wie sich diese Denkweise in den sozialen Medien heute zeigt, wird in diesem Blog genauer untersucht.
Umberto Eco, ein italienischer Schriftsteller und Semiotiker, hielt 1995 zum ersten Mal die Rede «Der ewige Faschismus» (1). Er hielt diese Rede anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung Italiens (1). Der Satz «Der Ur-Faschismus ist immer noch um uns, manchmal in gutbürgerlich-ziviler Kleidung» (Ippilito, 2020) ist hierbei sehr bedeutend, da er eine der Kernaussagen in Ecos Rede ist. Eco will damit ausdrücken, dass der Faschismus weiterhin existiert, aber nicht immer direkt erkennbar ist. Wenn wir an Faschismus denken, denken wir praktisch nie daran, dass er auch bei uns im näheren Umfeld kursiert. Wir denken entweder an den Nationalsozialismus oder daran, dass Faschismus ein Problem ‘der anderen’ ist. Also etwas, das weit entfernt von uns stattfindet und mit unserer eigenen Gesellschaft wenig zu tun hat.
Diese Rede haben wir als Vorbereitung auf das Buch «Ihr sollt die Wahrheit erben» von Anita Lasker-Wallfisch gelesen. Dabei haben wir gelernt: Es gibt nicht nur den Nationalsozialismus, sondern einen allgemeinen Ur-Faschismus.
Viele Menschen glauben, dass Faschisten genauso aussehen und handeln wie die Nationalsozialisten im Dritten Reich. Das stimmt aber nicht. Der Ur-Faschismus hat viele verschiedene Gesichter und ‘Spielarten’. Es gibt zwar Gemeinsamkeiten, aber die Merkmale können ganz unterschiedlich sein. Im Kern ist der Faschismus jedoch immer eine Bewegung gegen die Demokratie, die Aufklärung und die Vernunft. So ist beispielsweise auch der Kommunismus eine Spielart des Ur-Faschismus.
Wir haben im Unterricht alle 14 Merkmale besprochen, die Umberto Eco in seiner Rede aufzählt. Damit die Vielfältigkeit des Faschismus erkannt werden kann, erkläre ich hier in diesem Blog zwei wesentliche Merkmale des Ur-Faschismus.
Das erste Merkmal, ist das Merkmal, des Synkretismus. Hierbei handelt es sich um die Beschreibung eines Systems, das verschiedene Ideologien und Traditionen miteinander vermischt. Diese einzelnen Traditionen dürfen sich beispielsweise widersprechen, und so wird die Widersprüchlichkeit toleriert und als Teil des Systems verstanden. Hierbei geht es nicht darum, eine widerspruchsfreie Logik aufzubauen, sondern eine Denkweise, die den Glauben an die Ur-Wahrheit stärkt und darauf zurückführt. Auch wenn sich die Aussagen inhaltlich massiv widersprechen, behauptet der Synkretismus, dass alle eigentlich dasselbe behaupten würden und die Wahrheit nur auf zwei verschiedene Weisen ausgedrückt werden kann. Ein Beispiel ist die Rechtfertigung von Russland für den Angriff auf die Ukraine. Der Angriff wird mit einer ‘historischen Mission’ begründet, bei der Fakten so verdreht werden, dass die Ukraine als natürlicher Teil Russlands erscheint, um den Krieg ideologisch zu rechtfertigen.
Ein anderes Merkmal einer faschistischen Strömung ist die Verschärfung von Dissens, also das nicht Annehmen von Kritik. Die Lösung steht von Anfang an fest und somit kann niemand Widerspruch erheben. Wer widerspricht, wird zum potenziellen Gegner erklärt. Ein Vergleich, der in der Klasse gezogen worden ist, ist Donald Trump. Wer ihn nicht unterstützt, wird von Trump einfach ersetzt.
Ich habe mich für diese zwei Argumente entschieden, da diese Merkmale aufzeigen, dass die Demokratie direkt klar beeinträchtigt wird, wenn Fakten durch Mythen und Unwahrheiten ersetzt werden und keine Kritik mehr akzeptiert und toleriert wird.
Durch seinen Verweis auf die 14 Merkmale wird klar, dass faschistische Strukturen auch heute noch fest in unserem Alltag verankert sind bzw. diese in zahlreichen Ländern immer noch auftreten. Vor allem die sozialen Medien sind sehr davon betroffen. Hier kann faschistisches Gedankengut leicht verbreitet werden. Die Zahlen sprechen für sich. In der Schweiz nutzen Millionen von Menschen täglich Plattformen wie YouTube oder Instagram (siehe Abb. 1). Zum Beispiel nutzten 2025 täglich 2.8 Mio. Menschen Instagram. Wir begegnen faschistischen Denkweisen also potenziell jeden Tag auf unserer For you-Page. Das hat mich zu der Frage geführt: Wie genau fördern soziale Medien eigentlich Denkweisen des Ur-Faschismus? Um das zu beantworten, habe ich 2 Merkmale herausgearbeitet, die heute für die sozialen Medien besonders aktuell sind.

Eines der beiden Merkmale ist der selektive oder qualitative Populismus. Dies bedeutet, dass sich jemand am Willen des Volkes bedient, damit er oder sie etwas durchsetzen kann. Beim quantitativen Populismus zählt jede einzelne Stimme. Die Mehrheit entscheidet, das Individuum behält aber seine Rechte. Beim selektiven Populismus spricht eine bestimmte Gruppe für alle. Somit wird behauptet, dass das Volk eine einheitliche Masse mit einer gemeinsamen Meinung ist. Der selektive Populismus ist jedoch kritisch, da angeblich für die Mehrheit gesprochen wird und der Stellenwert des einzelnen Individuums verloren geht. Durch Algorithmen entsteht auf der For you-Page eine Art 'Blase'. In der 'Blase' werden immer ähnliche oder gleiche Botschaften angezeigt. So entsteht das Gefühl von ‘alle denken wie wir’ und die eigene Meinung wird enorm gestärkt. Social Media macht es also sehr leicht, so zu tun, als gäbe es eine grosse, einheitliche Mehrheit, obwohl es in Wahrheit nur ein kleiner, selektiver Ausschnitt der Gesellschaft sein kann. Besonders deutlich wird dies bei Einzelpersonen mit grosser Reichweite. Wenn Influencer oder Podcaster ihre Meinung äussern, kann diese durch Likes, Shares und Kommentare schnell den Anschein einer allgemeinen Zustimmung bekommen.
Das zweite Merkmal ist der Newspeak. Also die neue Sprache, die entsteht. Beispielsweise werden neue Begriffe erschaffen, die zum Beispiel schlimme Handlungen verharmlosen, oder Wörter werden vereinfacht, die eigentlich in der Bedeutung viel komplexer sind. In einem nazistischen oder faschistischen System hat man probiert, das Vokabular und die Syntax so zu vereinfachen, um kritisches Denken zu verhindern. Die Videos auf Social Media wurden so konzipiert, dass sie möglichst kurz und kompakt sind. So werden beispielsweise komplexe politische Probleme in 15-sekündige Clips zusammengefasst. Alles muss sich möglichst kurz und krass anhören. Dementsprechend befassen sich Social Media Benutzer/innen nur ganz kurz mit den verschiedenen Videos. Dadurch denken wir über Ereignisse oder bestimmte Videos gar nicht mehr richtig nach oder hinterfragen Dinge nicht mehr. Das rationale Denken wird dadurch weiter verdrängt.
Eco sagt am Ende seiner Rede sinngemäss, dass unsere Freiheit nie sicher ist und wir den Ur-Faschismus jeden Tag aufs Neue entlarven müssen. Es liegt an uns, diesen jedes Mal aufs Neue zu erkennen. Für mich bedeutet das aber auch, dass wir den Einfluss, den die sozialen Medien auf uns haben, genauer analysieren und erkennen müssen. Anstatt uns passiv berieseln zu lassen, sollten wir uns aktiv mit den Inhalten befassen und uns bewusst auch Meinungen ausserhalb unserer eigenen 'Blase' bilden. Wir müssen die Widersprüche, sei es in Reels oder in der Politik, erkennen, diese hinterfragen und anschliessend bewerten. Die Kritik muss frei sein, sollte aber so konzipiert sein, dass man selbst auch mit der Kritik etwas anfangen und die eigene Sichtweise weiterentwickeln kann. Ausserdem sollten wir nicht einfach der Meinung folgen, bei der wir das Gefühl haben, dass diese am prominentesten ist. Wir sollten eigenständig kritisch denken.
Qullen:
Unterrichtsnotizen aus dem Fach Deutsch
(1): Ippolito, Enrico (2020): Der Faschismus ist überall. (Online). https://www.spiegel.de/kultur/literatur/umberto-ecos-essay-der-ewige-faschismus-was-hat-das-mit-der-afd-zu-tun-a-274cdfa8-41ba-446b-aca4-e850f6a930ed (Zugriff am: 19.04.2026)
Abbildung 1:Nutzung bestimmter elektronischer Medien in der Schweiz 2025. IGEM (o. J.). https://www.igem.ch/mediennutzung-werbemarkt/online/ (Zugriff am: 19.04.2026)