Die Verzerrung und Verformung der Realität durch Sprache

22. Januar 2026

Wie Sprache die Wirklichkeitswahrnehmung gezielt verändern kann. Gezeigt am Beispiel des Textes ‘Die Ermordung einer Butterblume’ von Alfred Döblin.

Wenn ich auf dem Sofa sitze und ein Buch aufschlage, erwarte ich, dass ich in eine andere Welt eintauchen kann. Diese Welt muss nicht realistisch, sondern glaubwürdig und in sich kohärent sein. Es ist nicht wichtig, ob die Geschichte realitätsnah oder fiktiv ist. Ob sie in der Vergangenheit, der Zukunft oder dem hier und jetzt spielt. Hauptsache, die Welt in dem Buch enthält keine Widersprüche.

Dies gelingt aber nur, wenn die Erzählinstanz vom Autor so konstruiert ist, dass keine offensichtlichen Widersprüche im Text auftreten. Dies passiert dann, wenn uns die erzählte Welt von jemandem vermittelt wird, dem wir trauen können. Einer Erzählinstanz, die uns eine kohärente Welt vermittelt. Doch was passiert, wenn genau diese erzählte Welt beginnt zu brechen und die Erzählinstanz immer widersprüchlicher wird?

Der Realitätsverlust und diese Widersprüche bemerkt man als Lesende auch im Text ‘Die Ermordung einer Butterblume’ sehr deutlich. Die Erzählinstanz wurde vom Autor so kreiert, dass die dargestellte Wirklichkeit nicht als zuverlässig abgebildet wird. Im Text ‘Die Ermordung einer Butterblume’ handelt es sich um einen Mann namens Michael Fischer, der während seines Spazierganges eine Psychose erfährt. Die Erzählinstanz zwingt den Leser indirekt, die Psychose selbst mitzuerleben und so, die durch die Psychose verzerrte Wahrnehmung des Protagonisten als wahr anzunehmen. Als Michael Fischer im Wald spaziert und sich mit seinem Gehstock im Unkraut verhakt, reicht das aus, um eine Kettenreaktion auszulösen: Michael Fischer schlägt auf das Unkraut ein und steigert sich anschliessend in die Vorstellung hinein, er habe eine Butterblume ermordet. Panisch und orientierungslos rennt er durch den Wald und probiert seine Tat durch absurde Handlungen wiedergutzumachen.

Durch die unzuverlässig konstruierte Erzählinstanz wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit für den Leser erschwert und ist am Ende sogar nicht mehr möglich nachzuvollziehen. Aber wie verzerrt die Sprache der Erzählinstanz in ‘Die Ermordung einer Butterblume’ die Wirklichkeit genau?

Quelle: OpticalExpress

Durch die Sprache und die Verwendung von spezifischen Wörtern wird die Butterblume so dargestellt, als ob sie eine Person sei. «Der Kopf musste fort, der Stiel zugedeckt werden, eingestampft, verscharrt. Der Wald roch nach der Pflanzenleiche. […] Der Kadaver mitten im Walde musste fort.» (Döblin, 1913: S. 67, Z. 14-20). In diesen Zeilen wird die Butterblume mit Wörtern beschrieben, die wir sonst in Bezug auf den menschlichen Körper verwenden. Somit übernimmt die Erzählinstanz die Wahrnehmung von Michael Fischer und kreiert aus der kleinen, schönen Butterblume ein menschliches Opfer. Durch die Vermenschlichung der Butterblume wird die Wirklichkeit verzerrt. Auf mich wirkt diese Vermenschlichung besonders irritierend, da sie eine harmlose Handlung in ein Verbrechen verwandelt.

Die Unsicherheit der Wirklichkeit wird durch ein widersprüchliches Bild des Protagonisten noch weiter verstärkt. Einerseits wird er als Herr namens Michael Fischer vorgestellt, der Chef seiner eigenen Firma ist. Er wird also als erwachsene Person und als Vorgesetzter beschrieben. Andererseits entstehen durch gewisse Textstellen aber auch Bilder eines Kindes. Durch Passagen wie «Er hatte eine aufgestellte Nase und ein plattes bartloses Gesicht, ein ältliches Kindergesicht mit süssem Mündchen.» (Döblin, 1913: S. 64, Z. 5-7) wird er jedoch als kindlich dargestellt. Beim Wort ‘Mündchen’ handelt es sich um eine Verniedlichung und er wird dadurch sprachlich in ein Kind verwandelt. Somit erzeugt die Erzählinstanz durch eine ausgewählte Sprache ein gespaltenes Bild vom Protagonisten.

Durch Widersprüche zwischen den Aussagen der Erzählinstanz und den tatsächlichen Handlungen des Protagonisten wird die Realität sprachlich verzerrt. Die Erzählinstanz behauptet: «Er kletterte wieder zurück. Wo war die Stelle? Er musste die Stelle finden.» (Döblin, 1913: S. 69, Z. 16-18). Michael Fischer will unbedingt an den ursprünglichen Ort zurückkehren, an dem er die Butterblume ermordet hat. Klar ist aber, dass er vorher völlig orientierungslos durch den Wald gerannt ist, sodass ein Wiederfinden der Butterblume praktisch unmöglich erscheint. Der Autor konstruiert also eine Realität, die mit den Taten des Protagonisten nicht übereinstimmt, und genau dadurch wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerrt.

Vielleicht ist es genau die ausgewählte Sprache des Autors, die verhindert, dass man selbst überhaupt noch von einer stabilen Wirklichkeit sprechen kann. Die Erzählinstanz scheint weniger die Welt abzubilden als vielmehr den inneren Zustand des Protagonisten. Die erzählte Welt fällt in sich zusammen. Nicht nur die Vermenschlichung der Butterblume, sondern auch das widersprüchliche Bild von Michael Fischer und die Unstimmigkeiten zwischen den Aussagen der Erzählerinstanz und den Handlungen des Protagonisten, machen diesen Bruch der Wirklichkeit sichtbar.

Vielleicht ist es gar nicht entscheidend, ob Michael Fischer tatsächlich „wahnsinnig“ ist. Entscheidend ist vielmehr, dass der Text mir keinen sicheren Standpunkt mehr bietet. Die Sprache bildet die Wirklichkeit nicht ab, sondern dekonstruiert sie.

Insofern wird für den Leser spürbar, dass die Welt in sich nicht mehr stimmig ist. Die Orientierung geht verloren und die Gewissheit verschwimmt. Döblin zeigt mit dem Text ‘Die Ermordung einer Butterblume’, wie stark Sprache unsere Wahrnehmung formt und wie schnell die wahrgenommene Realität ins Wanken geraten kann, wenn Sprache ihre Stabilität verliert.